Japanische Wandergruppe
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Wandern

Sonntag früh im Morgengrauen an einem Tokyoter Bahnhof: Ein Gruppe von 40 oder 50 japanischen Senioren in Outdoorkleidung sammelt sich auf dem Bahnsteig. Einige halten Fähnchen hoch, andere haben eine Armmanschette mit der Aufschrift „Leader“ um. Japanische Wandergruppen sind straff organisiert und wirken erst mal ein bisschen übermächtig, aber dann ist in den japanischen Bergen eben doch viel Platz mit durchaus wilder Natur. Und die gelegentlich dann doch auftretenden Gruppen sind rücksichtsvoll und machen Einzelwanderern selbstverständlich Platz.

Japan verfügt über hohe Berge, schöne Wälder und Täler, Berghütten und ein gut ausgeschildertes Wegenetz. Auch wenn es wegen der Entfernung wenige Europäer explizit zum Wandern nach Japan zieht – ein paar Wanderungen lassen sich mit ein bisschen Planung relativ problemlos in eine Besichtigungstour integrieren.

Wandergebiete in Japan

Hakone Gebiet mit FujiDer bekannteste Berg und Wahrzeichen Japans ist natürlich der Berg Fuji, trotz seiner beachtlichen Höhe von 3776 m ein Wandergipfel. Dennoch sollte man die Höhe nicht unterschätzen. Fast schöner für Wanderungen sind die niedrigeren umliegenden Berge der Fuji-Hakone-Gegend, denn von dort aus hat man oft einen wunderbaren Blick auf den perfekten Vulkankegel des Fuji-san. Außerdem ist diese Gegend von Tokyo aus relativ gut zu erreichen. Mehr Informationen über Hakone als PDF.

Mt. Tsubakuro, NaganoKlassische Gebiete für anspruchsvollere Bergtouren sind die Japanischen Süd- und vor allem die Nordalpen. Ausgangspunkt ist z. B. die Stadt Matsumoto bzw. das nahegelegene Hochtal Kamikochi, von dem aus hochalpine Tages- und Mehrtagestouren möglich sind. Aber auch in der Nähe von Nagano oder Takayama finden sich zahlreiche gute Wandertouren. Wer Wanderungen mit der "normalen" Sightseeingroute verbinden möchte, dem sei z. B. Nikko, eine der kulturellen Top-Attraktionen nicht so weit von Tokyo empfohlen. In den Bergen oberhalb von Nikko liegt das Wandergebiet von Oku-Nikko (Hinter-Nikko); von Seespaziergängen über Moorwanderungen auf Bohlen bis zu Bergtouren auf 2500 m ist für jeden etwas dabei, und der beste Abschluss ist das Onsen, in das man sich nach der Wanderung wohlig sinken lässt! Mehr Informationen über Nikko als PDFInformationen zum Wandern im Senjogahara Marshland finden Sie hier.

Auch Kyoto liegt zwischen Bergen, sodass vom Stadtrand aus kleinere Wanderungen möglich sind, z. B. in Arashiyama oder Ohara. Informationsmaterial dazu gibt es in den Touristeninformationen vor Ort.

Weitere beliebte Wandergebiete sind das Oirase-Tal am Towada-ko in Tohoku, der restaurierte historische Handelsweg Nakasendo bei Tsumago und Magome (in der Nähe von Nagoya) (englische Wanderkarte), das Gebiet des Riesen-Vulkans Aso-san auf Kyushu, und die kleine, steile, subtropische Insel Yakushima südlich von Kyushu.

Pilgerrouten

Pilgern auf dem Kumano KodoBuddhistische und shintoistische Pilgerwege sind wohl die ursprünglichsten Fernwanderwege. Zum Wandererlebnis kommt hier auch die spirituelle und nicht zuletzt die kulturelle Erfahrung hinzu, denn als Fußpilger kann und muss man ziemlich weit in die japanische Gesellschaft eintauchen.

Der bekannteste Pilgerweg ist der buddhistische 88-Tempel-Weg, der je nach Route auf 1200-1400 km rund um die Insel Shikoku und zum Tempelberg Koyasan führt. Die 88 Tempel, die man dabei aufsucht, stehen alle in Bezug zum buddhistischen Heiligen Kôbô Daishi (Kukai), dem Begründer des Shingon-Buddhismus in Japan. Jeder Tempel ist gleich wichtig – hier ist also tatsächlich der Weg das Ziel. Allerdings ist der Weg längst nicht überall als richtiger Wanderweg ausgebaut, sonder führt auch teilweise an befahrenen Straßen entlang. Er ist jedoch inzwischen bei europäischen und deutschen Wanderern eine beliebte Strecke. Im Internet finden sich verschiedene Erfahrungsberichte.

Mehr zum Thema in unserem Beitrag zum 88-Tempel-Weg auf Shikoku

Eine kürzere, shintoistische Pilgerroute ist der Kumano Kodô auf der Kii-Halbinsel südlich von Nagoya, seit 2004 UNESCO-Weltkulturerbe. Der Kumano Kodô ist eher ein Netz aus Pilgerrouten zu wichtigen Shinto-Schreinen und u.a. auch zum Tempelberg Koyasan, als eine einzelne Pilgerroute. Die Hauptheiligtümer, die heiligen Stätten "Kumano Sanzan", sind die versteckt in den Bergen liegenden Hauptschreine Kumano Hongū (熊野本宮大社), Kumano Nachi (熊野那智大社) und Kumano Hayatama (熊野速玉大社). Den Kumano Hongū erreicht man von Koya-san aus mit dem Koya-san&Kumano Access Bus.

Weitere Informationen:

Koya-san und Tempelübernachtungen in Japan - Shukubo

Einen Reisebricht zum auch in Japan weniger bekannten Chita-88-Tempel-Weg der sich über die Halbinsel Chita bei Nagoya erstreckt, findet man hier. Etwa 200km lang ist er.

Die Stadt Tanabe hat einen Kumano Kodo Nakahechi Official Guide herausgegeben, der auf 148 Seiten viele Tipps zur Pilgerroute bietet. Der Guide kann im Internet anefordert werden.

Hyakumeizan: 100 berühmte Berge

Daisen-Oki National ParkDie Liste der "100 berühmten Berge", der Kanon japanischer Bergwanderer, entstand erst in den 1960er-Jahren. Kriterium für den "Erfinder" Kyuyu Fukuda war, dass es sich bei allen hundert Bergen um reine Wandergipfel handelt, die auch ohne Hochtourenerfahrung zu besteigen sind; außerdem sollten es "lohnende Gipfel" sein und über 1500 m hoch (nur einer erfüllt dieses Kriterium nicht). Die 100 berühmten Berge sind auf Wanderkarten eingezeichnet und ebenfalls ein guter Anhaltspunkt für lohnende Wanderungen.

Wegbeschaffenheit, Ausschilderung, Karten, Orientierung

Die Wege in den japanischen Bergen sind oft etwas steiler als in den Alpen, aber immer ziemlich gut ausgebaut: An schwierigeren oder felsigen Stellen gibt es in der Regel Steighilfen oder Sicherungen. Fast alle sind gut ausgeschildert, allerdings nur auf Japanisch und anders als in den Alpen in der Regel ohne Gehzeiten. Eine Wanderkarte ist daher zu empfehlen. Japanische Wanderkarten (die auch ohne Japanischkenntnisse verständlich sind) aus dem Verlag Yama to Kôgen (山と高原地図) decken praktisch alle Wandergebiete im Maßstab 1:50.000 ab. Sie sind in größeren Buchhandlungen und in den Läden vor Ort in den Wandergebieten erhältlich und kosten knapp 1000 Yen (500 Yen als Offline-App). Die Karten vermerken nicht nur Wasserquellen und schwierige oder nach Regen glitschige Strecken, sondern geben auch Gehzeiten an. Bemessungsgrundlage dafür sind wanderfreudige Senioren, das angenommene Tempo etwas gemächlicher als auf z. B. auf Schweizer Wanderwegweisern.

Übernachten

Oirase-Fluß, AomoriAuch auf längeren Strecken findet man überall Unterkünfte, neben Hotels auch Berghütten oder Pilgerherbergen. Hüttenübernachtungen beinhalten immer Halbpension und sind relativ teuer (um 7-8000 Yen); allerdings gibt es in der Nähe der Hütte meist auch die Möglichkeit zu zelten (300-500 Yen, einfaches Plumpsklo inklusive). Außer in Nationalparks ist Zelten ohnehin überall erlaubt (siehe auch Camping in Japan). Seltener sind unbewirtschaftete Hütten, die in der Regel nur ein Dach über dem Kopf zur Verfügung stellen – Schlafsack und Isomatte sind mitzubringen, dafür sind sie umsonst.

Ausrüstung und Gefahren

Wer in Hütten übernachtet, dem genügt die eigentliche Wanderausrüstung: Für die Bergregionen unbedingt richtige Bergschuhe und gute Regenkleidung, auch Stöcke und Gamaschen sind nützlich. Je nach Höhenlage sollte man natürlich auch den Temperaturunterschied bedenken. Steigeisen u. ä. braucht man wirklich nur auf den schwierigsten Touren der Japanischen Alpen. In Japan ist es unüblich, Ausrüstung auszuleihen, dafür gibt es in den Großstädten und in den Wanderregionen gut sortierte Outdoorläden mit oft sehr gutem Preis-Leistungsverhältnis (aber knapper Auswahl bei großen Kleidergrößen). Sehr gut ist die japanische Outdoormarke Montbell. Sonnenbrand und Blasen sind die wahrscheinlichsten Gefahren, aber in Nord-Honshu und v. a. auf Hokkaido gibt es Braunbären, die u. U. auch Wanderer angreifen, wenn sie überrascht werden. Dort sollte man eine Bärenglocke mitnehmen oder sich immer laut unterhalten. Giftige Schlangen gibt es auf den Hauptinseln nicht. Eine weitere Gefahr im seismisch aktiven Japan sind giftige vulkanische Dämpfe. Betroffene Wege werden sofort gesperrt. Vorsicht ist in aktiven Gebieten trotzdem geboten.

Transport

Die meisten Anfangspunkte von Wanderungen sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar, im Sommer verkehren in die beliebten Wandergebiete z. B. von Tokyo aus Wanderbusse, die oft sehr früh starten. Auf den „Yama to Kogen“ Wanderkarten sind Buslinien eingezeichnet, und auf der Rückseite werden die Bus- und Taxiunternehmen mit Telefonnummer aufgelistet. Viele Fahrpläne gibt es inzwischen auch auf Englisch (geben Sie die Telefonnummer genauso, wie sie angegeben ist, in die Internet-Suchmaske ein, um die Homepage zu finden); ansonsten kann jemand z. B. aus dem Hotel behilflich sein.

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